Just do it - das SOM-Tagebuch Sonderbeilage




Die Nichterreichbarkeit des Blauwasserseglers

In Brasilien 31.08.05


Immer wieder gibt es aus der Heimat Beschwerden, daß wir uns auf dringende Fragen nicht melden und daß wir einfach nicht erreichbar seien. Gerade gab es mal wieder eine solche, was mich zu diesem kleinen Aufsatz angeregt hat.

Die Nichterreichbarkeit des Blauwasserseglers

Man und logischerweise auch wir geht ja auf eine solche Reise, weil man sich in der Welt umschauen möchte, aber auch, um mal weit weg zu sein von all dem teutonischen Alltag mit seinen Problemen und Problemchen. Man träumt von fernen Stränden, einsamen Buchten, wärmender Sonne und und und, und das ganze ganz allein. Als Mann erträumt man sich vielleicht noch etwas exotische Schönheit dazu, was frau sich erträumt weiß ich nicht genau, aber das gehört nicht hierher. Und dann ist man oder frau oder beides eines Tages doch tatsächlich unterwegs.

Und dann?

Was waren das vor ein paar Jahren noch herrliche Zeiten! Man schmiß in irgendeinem deutschen Hafen die Leinen los und war weg. Richtiggehend weg und verschwunden. Für niemand erreichbar. Nach einem halben Jahr konnte man an einem vorher vereinbarten Ort ein paar kilo Briefe abholen (hoffentlich) und loswerden. Manche der Briefe wurden von einem vereinbartem Ort zum nächsten hinterhergeschickt, und noch einen weiter, richtig abenteuerlich. Und selbst Brieftonnen gab es hier und da, in die man seine Briefe reinsteckte, ein anderer Segler auf dem richtigen Kurs nahm sie dann mit. Dem Hörensagen nach soll es so was sogar noch geben. Na ja, und in all der Zeit war man von und für niemanden erreichbar. Nicht einmal für das Finanzamt.

Nun schreitet die Welt aber immer voran. Und der Lauf der Dinge auch. Das Y2K ist vorbei, und alles beschleunigt sich mehr und mehr und wächst zusammen und globalisiert sich. Die Elektronen jagen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit durch kupferadrige Netze, Photonen, oder sinds nur Lichtwellen (ich bin kein Physiker, aber ich glaub, ganz genau weiß sowieso keiner was Licht eigentlich ist) jagen mit ebensolcher Geschwindigkeit durch Glasfaserbündel und elektromagnetische Wellen mit nicht minderer Vmax rasen zu Satelliten und wieder zurück. Und all das bündelt sich, um mich armes, alleines, in den Weiten des Ozeans treibendes Seglerwürmchen in den Fokus zu nehmen, auf mich einzustürzen und zack, eh ich mich verseh, mit all der Welt zu verbinden, die ich doch so weit hinter mir lassen wollte. Das ist ja an sich schon schauderhaft genug. Aber schlimmer noch, ein jeder weiß, daß es so ist und nicht anders. Und nun?
„Der Kerl muß doch erreichbar sein?“
„Wieso meldet sich der Depp denn nicht?“
„Das ist ja eine Frechheit! Ich maile mir die Finger wund und schlage mir die Nächte um die Ohren, und dieser Simpel reagiert nicht!“

Nun, lieber Freund an der Heimatfront und der trüben mitteleuropäischen Sommerkulisse, in der Theorie geht das alles fix und schnell und simpel, aber in der Praxis gibt es da doch ein paar Tücken und die Physik, die ich ja nicht sonderlich beherrsche, spielt auch noch ein wenig mit. Und aus ist´s mit der Erreichbarkeit. Jetzt kann ich nicht erfahren, dass Wutz, der Dackel, nicht die Sau, von einer Zecke gebissen wurde. So ein Pech. Aber warum nur? Warum?

Hier ein paar Antworten zum warum.

Welche Verbindungen zur Welt haben wir denn?
1. Telefon und Handy.
2. Satellitentelefon, wenn man eines hat.
3. die Kurzwellenfunke, wenn man eine hat
4. das Internet

Fangen wir mal mit Telefon an. Telefonzellen gibt es an Land, mehr oder weniger häufig. Man braucht Kleingeld oder Telefonkarten oder einen Telefonierladen. Den Standort muß man erstens kennen, zweitens finden, drittens erreichen können, das Geld oder die Karte nicht vergessen haben, sofern man eine Karte erworben hat. Karte und Telefon müssen funktionieren, und – man muß überhaupt an Land und in der Nähe eines bewohnten Ortes sein. Gar nicht so selbstverständlich. Und dann ist es meist furchtbar teuer.
Fazit: Das klassische Telefon fällt in der Praxis aus, weil eine der vielen oben genannten Problemchen den Kontakt unterbinden.
Das Handy verspricht da schon mehr Erfolg. So man ein Triband-Handy hat, oder mindestens zwei Handys besitzt, die man je nach landestypischem System abwechselnd nutzt. Jetzt denke mal nur nicht, man telefoniere mit einer deutschen Telefonkarte. Nein, nein, dann muß die Reise wegen Finanzschwierigkeiten drastisch gekuerzt werden. Man benoetigt eine heimische Karte. Nur welche? So viele Anbieter, und alle mit anderer Netzabdeckung! Und da ist das erste große Handyproblem. Europas Netzabdeckung ist eine sagenhafte Ausnahme. Es ist halt ein altes, dicht besiedeltes Kulturland mit flächig breit gestreuter Kundschaft. Im Rest der Welt sieht das ganz anders aus. Riesige, menschenleere Flächen und örtliche Ballungen. Da gibt es keine Flächenabdeckung, erstens, weil es zu aufwendig wäre, und zweitens, weil in vielen Landstrichen keine potentiellen Hörer leben. Und der arme Segler konzentriert sich ja nicht auf die Millionenmetropolen unseres Heimatplaneten, sondern auf die eher verwaisten Landstriche. Nix Abdeckung, ist doch logo, oder? Und außerdem, die Kueste ist nicht gerade flach, in Brasilien z.B. von Rio ab nach Süden, und hattest Du auch eben noch Kontakt, ja, das kleine Hügelchen hinter dir hat ihn dir genommen. Und weiter als 20 km von der Küste entfernt erreicht dich die Station des Providers meines Vertrauens dann eh nicht mehr. Aber lassen wir es gut sein, die Verbindung steht.
„Schmusi, das Katzentier hat - - - piep piep piep ...“
Ja wo ist denn die Verbindung? Da war doch eine Anzeige auf dem Display? Wieso denn kein Guthaben mehr? Ich rufe doch nicht an, der Anruf kam doch aus Buxtehude! Ja mein Freund, (wieso eigentlich nicht meine Freundin?) der Provider TIM hat gerade mein Vertrauen zerstört: er berechnet mir Einheiten für dieses Auslandsgespräch. Und nicht zu knapp: 2,5 Minuten für umgerechnet 15 EUR. Da lasse ich das Handy lieber aus. Hand aufs Herz, tätest Du doch auch, oder?

Aber wir haben ja noch das Satellitentelefon. Weltweite ungestörte Deckung, Tag und Nacht, mit einer Kommunikationsanmutung wie seinerzeit bei den Mondlandungen. Das ideale Instrument, oder gibt es hier auch ein paar Fallen? Wir vernachlässigen mal den Kostenaspekt und unterstellen einen reichen Onkel aus Amerika, der die Abenteuerlust seiner Enkel mit Freude sponsort. Dafür kann er auch ab und zu per mail an der Reise teilhaben. (Kann auch ein reicher Onkel aus Brasilien sein, die sind auch nicht zu verachten.) Nun, dieses Gerät braucht erst einmal relativ viel Strom, muß ja bis zum Satelliten funken. Kann also nicht dauernd auf standby sein, sonst zutzelt es die Bordbatterien leer. Dann muß es den Satelliten sehen können. Wie es das macht, weiß ich nicht, habe noch keine Auge oder was ähnliches an ihm entdeckt, aber wenn zwischen ihm und dem Satellit ein Hindernis ist, ein Dach beispielsweise, war es das. Und ab und zu hält man sich ja unter Dächern auf. Regnet gerade. In den Tropen gar nicht so selten. Das Boot hat übrigens auch ein Dach und befindet sich auch gelegentlich im Regen, und wir wollen die empfindliche Hochleistungsapparatur doch nicht den Wetterunbilden aussetzen. Einspruch der Zensur: es gibt eine kleine Zusatzantenne, die man durch eine Ritze im Boot raushängen kann, das Satellitenhandy und der Telefonist bleiben trocken. Okay, okay, man kann ja mal versuchen zu flunkern.
Das Grundproblem bleibt. Und Hochhäuser, außerhalb Deutschlands viel verbreiteter als wir es uns vorstellen und hohe steile Berge können die Sichtbeziehung der beiden Partner genauso unterbinden wie ein Dach. Was noch? Das Ding ist groß und schwer. Läßt sich nicht in eine Hosentasche stecken und weckt am Gürtel getragen Begehrlichkeiten. Also führt man es nur in Ausnahmefällen mit. Aber, keine schlechte Alternative, vor allem, wenn Du lieber deutscher Freund weißt, daß du mir über die homepage des Providers Iridium per Internet kostenlose sms auf das Gerät schicken kannst.
Fazit: Gar nicht so schlecht, wenn man von den Kosten absieht und im Hinterkopf behält, daß es trotz allem nicht immer klappen muß mit unserem connect.

Jetzt kommt der Knaller. Mickey Mouse, Kurzwelle, SSB, alles meint das gleiche, die Amateurfunke. Stop! Halt! Das geht nicht, das ist illegal. Um sie als ordentlicher deutscher oder us-amerikanischer oder sonstiger Staatsbürger weltweit nutzen zu dürfen, braucht es eines Berechtigungsscheines. Funkbetriebszeugnis Klasse I heißt dieser im deutschen Lande. Und erfordert eine eingehende Beschäftigung mit der Hochfrequenzmaterie einschließlich Erwerbs vielfältiger hochfrequenter Fertigkeiten und einer abschließenden bundesbehördlichen Prüfung. Danach kann man sich die Funke auch selber basteln. Das alles braucht Zeit und Lerngelegenheit. Beides hatte ich nicht (mehr). Was nun? Ganz einfach. Die Meere sind frei (was nicht stimmt) und ich funke illegal. Deutschland ist weit. Und in einem Land, wo es die Erlaubnis einfach zu kaufen gibt, erwerbe ich gleich ein halbes Dutzend. Mit dem Funken ist es aber so eine Sache. Irgendwann ist man für die bescheidene Leistung so eines Bordfünkchens einfach zu weit weg von der Heimat. Und Hand aufs Herz, die Sache hat noch einen Haken: Bist Du Amateurfunker, oder wenigstens Deine Tante? Oder Dein Nachbar? Das könnte sogar sein, es gibt mehr als Du denkst. Guck mal, wer in Deiner Umgebung eine ungewöhnliche große Antenne auf dem Dach hat, oder sogar einen Mast mit Antennen im Garten? Den frag doch mal ob ... Stop! Schon wieder! Jetzt darf Dein Nachbar nicht. Das heißt, an sich darf er schon, er hat schließlich als braver Germane das vorgeschriebene Erlaubnispapier. Aber er darf wiederum nicht, weil ich so ein Gesetzesbrecher bin. Redet er mit mir, bricht er seinerseits das Gesetz und sieht sich schon hinter schwedischen Gardinen. Mist. Was nun. Nun, die Zeit schreitet voran und der Mensch ist findig. Datentransfer erfolgt heute überall, warum nicht auch per Funke. Ich brauche ja nicht reden, es genügt doch, wenn ich bits und bytes über den Äther sende. Hat sich ein findiger Mensch gedacht. Und so gibt es doch eine Lösung. Emails über die Funke. Per pactor. So nennt sich das Modem, daß - kaum glaublich deutscher (!) Erfindergeist (!! So was gibt es noch, machen doch sonst die Japaner, neben köstlichem Sushi!!) - das Ganze weltweit möglich macht. Die Frage, weshalb ich die Funke jetzt nicht mehr ganz so illegal nutze, lasse ich im Raum stehen. Habe ich noch nicht verstanden.
Gut. Wir können jetzt also Daten funken. Heißt: ich. Aber nur, wenn es dämmert und dunkel wird, nicht am Tage. Bei mir. Und bei der Gegenstation. Weil sich die süßen kleinen Hochfrequenzschwingungen dann anders verbreiten. Jetzt gibt es leider für mich halblegalen Datenfunker nur wenige Gegenstationen in der Welt. 15 oder 20. Die sind aber verteilt. Meine sollte aber tageszeitlich möglichst genauso dunkel liegen, also möglichst nahe am gleichen geographischen Längengrad. So konnte ich hier im Süden von Brasilien, wo ich gerade tippse, die nächstgelegene Station (in Chile) trotz theoretisch bester Voraussetzungen nicht erreichen. Dafür aber Lunenburg in Neuschottland. Das ist in Kanada. Geradezu am anderen Ende der Welt. Also es klappt, und die Daten flutschen. Wenn die Sonnenflecken mitspielen. Die beeinflussen nämlich die Ionosphäre (s. Lexikon) und damit auch die Ausbreitung der Funkwellen, so war´s, glaube ich. Nix Verbindung mit Lunenburg. Oder ganz schlecht. Und liege ich in einer Bucht mit steilen Bergen oder neben Hochhäusern geht auch nix mehr. Hatten wir ja schon. Ein starker Sender in der Nähe (Radio), da geht auch nix mehr. Viele Masten von Segelschiffen in der Umgebung, in einer Marina vielleicht, richtig: nix.
Aber heute geht es. Nur wie schnell? Zu Hause mit der Internetsteckdose dauert es einen Lidschlag deiner hübschen braunen Augen, und die kB rauschen nur so durchs Kupfer. Dat is hier nu mal anders min Jung, würde Onkel Hein sagen. Ümmer hübsch sachte. 1.000 Bytes, das ist 1 kB, also fast nichts (guck mal, wie groß diese Textdatei ist), die können per Funk, wenn es ganz schlimm kommt schon mal 10 Minuten brauchen, bis sie übertragen sind. Hat man Glück, geht’s in 30 Sekunden. Und das bedeutet Probleme. Weil viele Leute diesen Datenfunkdienst nutzen wollen, aber nur wenige Frequenzen zur Verfügung stehen, steht dem Einzelnen nur wenig Funkzeit zu. Für uns etwa 45 Minuten in der Woche. Klingelts? Eine mail von 10 Minuten frisst ein Fünftel der Gesamtfunkzeit. Und wir brauchen den Datentransfer auch, um an unsere Wetterprognose zu kommen. Lebenswichtig. Und diese Dateien sind auch nicht gerade klein. Und wenn gerade viele Menschen ihre Daten funken wollen, ist der Provider hart. Ganz hart. Er lässt mich nach Verzehr meiner 45 Minuten einfach nicht mehr rein. Kein connect. Das war´s dann für die nächsten Tage. Aber es gibt auch anderes. Die Atmosphäre spielt verrückt. Gewitter. Kein connect. Der Kühlschrank hat das Bordstromniveau zu weit runtergezogen. Die Spannung ist zu niedrig, die power zu schwach. Kein connect. Die Gegenstation wird gewartet. Kein connect. Ist besetzt. Kein connect. Der Betreiber hat gesoffen, kein connect. Manchmal verzweifelt man, aber es gibt eben keinen connect. Und dann kann noch der Horror schlechthin passieren: Du bekommst, heißt ich bekomme, eine mail, hoffentlich warst Du das nicht. Wehe. Nicht nur, daß Du Dich nicht gewürzter Kürze sondern epischer Breite bedient hast, nein, Du Schussel (das war sehr zurückhaltend), Du hast den Re-Button in deiner Bedienoberfläche gedrückt. Du schickst mir also meinen Text, auf den du antwortest, vollständig mit zurück. Und wenn Du Wert auf einen Mord legst (how to hire a contract killer, Du erinnerst Dich) fügst Du noch ein paar Bilddateien an. Die mail kann ich in der verfügbaren Zeit niemals runter laden. Das merkt auch die sendende Gegenstation und bricht nach 20 Minuten ab. Aber sie löscht Dein Gesums nicht. Und am nächsten Tag will sie ihn mir wieder schicken. Und wieder und wieder. Nichts hilft. Der Datenfunk ist bis auf weiteres blockiert. Löst sich nur wenn per Zufall eine megaschnelle Verbindung möglich ist, oder ich an Land im Internetcafe das Entstörkommando aktivieren kann. Jetzt sagte ich ja, daß wir den Datenfunk für die Wetterberichte brauchen. Und für wichtigen Nachrichtenaustausch mit voraussegelnden oder folgenden Yachten. Und deshalb verrat ich diese Bord-mail-Adresse nicht. Nur einem ganz kleinen, handverlesenen Zirkel. Keine Ausnahmen. Keine. Nein, keine heißt auch keine. Das war das letzte Wort.

Ok, war doch nicht das letzte Wort in diesem Aufsatz. Aber wieso so umständlich die bytes durch das nächtliche Himmelsblau jagen, wenn es doch die besagten kupfrigen und lichtwellendurchlässigen Nachrichtentransportsysteme gibt. Und damit sind wir beim Internet. Überall auf der Kugel mit jedem beliebigen anderen Ort in Sekundenbruchteilen verbunden sein. Nachrichten und Daten, Texte und Bilder in vor wenigen Jahren ungeahnten Größen vom Zirkumnavigator ins heimische Computerzimmer. Keine Schneckenpost, highspeed-flatrate-mails. Jetzt haben wir ihn, den arbeitsscheuen Aussteiger. Ab ins nächste Internetcafe und los, komm zur Sache, wir wollen news, und vor allem, wir haben was für Dich!
„Das Finanzamt droht mit goldener Kette für Dein Boot, wenn nicht ...“
Nur nicht weiter denken. Blauwasserseglers Alptraum. Also noch mal an den Anfang. Ab ins nächste Internet-Cafe. Nur, wo ist es? Mit großem Glück brauchst Du es nicht, sondern Du kannst im Sekretariat deiner gastfreundlichen Marina unentgeltlich das Internet nutzen. Großes Glück gibt es gelegentlich. Aber oft, meist ist es anders. Weit weg. Das Boot liegt an einem Ende der Stadt, Internet am anderen. Und das kann geschlossen sein, weil es ganz erstaunliche Öffnungszeiten hat. Oder es sind alle Computer besetzt, wenn Du vorbeischaust. Oder die Rechner sind noch echte Schnecken, was allerdings nicht so häufig ist. Da hat sich die Welt nivelliert. Oder die Stromversorgung ist gerade am kippeln, das cancelt auch schon mal die Rechner. Auch ist schon mal das cafe-interne Netzwerk bei der Totalgrätsche, nur weil Du deinen Memorystick in den USB-slot gesteckt hast. Oder es gibt kein Internet. Ganz schlimm. Oder es gibt eins, aber wo? Bei McDonalds! Etwas Verzehr, 10 Minuten Zugang, alle drei Minuten von einer Werbetotale unterbrochen. Behalte da mal einen klaren Kopf, wenn Du in den verbleibenden Minuten die wesentlichen mails und Inhalte in deinem Empfangsordner erfassen willst. Klar, daß Du bei McDoof keine Dateien runterladen kannst, was es ja einfacher machen würde. Schnell laden, an Bord lesen. Oder der langgesuchte Internetcomputer befindet sich in einer wahren Spielhölle. Rings um dich herum knallt, ballert, blitzt und heult es. Die Nutzer schreien und rufen durcheinander, du wirst angerempelt ... Wolltest Du eben noch sensible mails versenden? Du lässt es und hoffst auf eine günstigere Gelegenheit. Puh. Bloß raus. Erst mal frische Luft. Tja, so ist das.
Und dann, alles hat geklappt, bist Deine mails los, hast alle Anfragen und Eingänge (dieses Wort, klingt ja nach Behörde, o Graus) beantwortet, und dann kommt Deine mail nicht an. Weg. Im elektronischen Nirwana verloren. Ist ja vielleicht auch eine Art Himmelreich. Aber Du dünkst Dich glücklich und tüchtig und ahnst gar nicht, was sich zusammenbraut, da, an der Heimatfront, die deine verflüchtigte mail dringendst erwartet.

Nun, mein lieber, treu durchhaltender Lesefreund, und Du meine liebe Freundin mit den hübschen braunen Augen und den traumhaft langen Wimpern, (sorry, waren Deine Augen etwa blau?) ja, nun kehren wir noch mal zurück. Ich, wir, alle wir Aussteiger, Vagabunden, Blauwassersegler und Taugenichtse, wir sind ja unterwegs auf dem Meer der Freiheit (s. dazu auch Schlussklappe Piraten der Karibik, Captain Jack Sparrow, fünftletzter und letzter Satz, sehr treffend) und da stecken wir schon mal hinter einer Insel, weit ab von jedem Land, jeder Handykontaktstation, jedem Internetcafe, jeder Telefonzelle, und die Insel hat leider auch ´nen Berg, der im Weg ist, die Sonneflecken toben (oder müssen sie ruhen, ich kapier es einfach nicht) und eine süße kleine Zyklone hält uns hier fest und beschneidet diese unsere Freiheit der Meere. Eh nur ein Mythos. Kein Kontakt zur modernen Welt, zur Heimat, zu Dir. Ja, da geht dann eben nichts. Nicht zu ändern, nichts zu machen. Übe Nachsicht und habe Geduld mit mir, ich melde mich doch, auch wenn es etwas dauert.

Und jetzt will ich noch ganz ehrlich sein. Manchmal ist es keine Zyklone. Die Insel ist die gleiche, die Bedingungen die gleichen, nur der kleiner Unterschied: die Sonne scheint, das Wasser ist sauber und klar, und warm, es gibt einen feinsandigen Strand, in meiner rechten Hand funkelt ein Caipirinha, die linke .... (Eingriff der Zensur). Würdest Du den Anker lichten und an einen belebteren Ort segeln? Zum Telefonieren und Mailen? Jetzt? Gerade jetzt? Nur wegen der Welt, der Du für eine gewisse Zeit den Rücken kehrst? Sei ehrlich zu Dir selbst. Mir brauchst Du nicht antworten, ich kenne die Antwort.

Ich hoffe, lieber Freund zu Hause, Du kannst die Schwierigkeiten der Kommunikation nun etwas besser verstehen. Du bist nicht vergessen. Nie und niemals. Aber nun weißt Du, manchmal will es einfach nicht gehen. Aus hunderten Gründen.
Und Dir, lieber Segelkamerad auf hoffentlich immer blauer und selten grauer See, Dir habe ich hoffentlich aus dem Herzen gesprochen.

So denn
Allzeit fair winds

Martin
SY Just do it
Porto Belo, Santa Catarina, Brasilien
im Gewitter und in Erwartung der nächsten frente frio, die auch eine kleine Sturmzyklone werden könnte. Keine Angst, Boot liegt in sicherem Hafen vor Anker.