Just do it - das SOM-Tagebuch

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SOM 10:

In Brasilien – von Rio bis Santos 18.08.05



Ihr Lieben, dear friends,
lange war nichts von uns zu hören. Sind auch nur wenige Seemeilen vorangekommen, haben dafür aber viel in Brasilien erlebt. Hier nun unser jüngster Bericht. Viel Freude beim Lesen, und lasst mal von Euch hören. Wir freuen uns über jede Nachricht, denn wir erhalten nur wenig Post.




Wie in Salvador: was soll man zu Rio schreiben? Nun, unser erster Gang ist formeller Natur. Suchen den Hafenkapitän auf und klarieren ein. Dann spazieren wir quer durch das Zentrum, besuchen die Touristeninformation im 9. Stock eines Hochhauses, wo wir mit Cafe bewirtet werden, und starten gleich anschließend durch auf den Zuckerhut. Sind spät dran und schaffen es nicht ganz bis zum Sonnenuntergang oben zu sein. Dafür haben wir einen phantastischen Ausblick auf Rio und die Bucht bei Nacht. Wieder unten fallen wir einem Taxifahrer in die Hände, der uns für den nächsten Tag eine Rundtour durch Rio für 250 Reais aufschwätzt. Immerhin, so bekommen wir einen schnellen Überblick über einige Highlights: Corcovado, Slums (eher eine Luxusvariante, keine Wellblechhütten, solide Häuser, mehrstöckig, mit Strom, Wasser und Fernsehantennen, z.T. getüncht), Macarana-Stadion, das größte Fußballstadion der Welt, ein Edelsteinmuseum, das sich als Juwelier mit Verkaufsabsichten entpuppt - bleiben aber standhaft - Ipanema, Tijuca-Nationalpark. Rio ist eine große Stadt, aber erstaunlich grün. Überall Parks, Straßenbäume, und die steilen Berge sind meist naturbelassen, also grün. Der Tijuca-Nationalpark ist ein Art atlantischer Regenwald. Bereits im letzten Jahrhundert wieder aufgeforstet, nachdem die Wasserversorgung Rios wegen Raubbaus an den Wäldern zusammenbrach. Wieder in unserer Marina platzen wir unverhofft in eine Stegfete. Es gibt ein Barbecue und Getränke für alle Anwesenden und gute Stimmung mit Gitarrenmusik und Gesang. Die Tage in Rio vergehen wie im Flug. Besichtigen alte Stadtviertel wie Gloria und Santa Theresa, das wir mit einer alten Tram erreichen, besichtigen alte Kirchen und die moderne Catedral Metropolitana, essen Kuchen in der Confeteira Colombo, in der man sich um hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt fühlt und lassen uns quasi vor der Haustür der Marina überfallen. Das war ein nicht so glücklicher Moment und hat mich den Großteil meiner Fotoausrüstung gekostet. Lassen uns aber nicht lange abschrecken und streifen weiter durch die Stadt. Drei Tage später habe ich zumindest eine neue Kamera, wenn auch nicht die, die ich verloren habe, und das zu Bruch gegangene Brillenglas ist ebenfalls ersetzt. Besuchen Ipanema und Copacabana, immer zu spät am Tag, um die Strandschönheiten ausreichend zu würdigen und genießen den Botanischen Garten, besuchen das Anwesen von Burle Marx, dem Künstler und Gartenarchitekten Brasiliens usw. usw. An der Promenade von Copacabana hatten wir noch eine denkwürdige Begegnung. Ein junger Schuhputzer taucht auf. An Ankes Sandalen ist nichts zu machen, aber meine wildledernen Seglerschuhe muß er doch unbedingt putzen. Aber ich will nicht so richtig. „There is shit on the shoe.“ „There is no shit on my shoes.“ „True man, there is shit on the shoe.“ „There is no shit. I don´t want my shoes cleaned.“ „Man. There is shit on the shoe. I am specialist for shit on shoes. Look there!“ Schau mir meinen rechten, ihm etwas abgewandten Schuh an, auf den er deutet und tatsächlich, auf der Innenseite des Schuhs klebt eine braune Wurst. Knapp unter meiner Hose. Wie ist denn das dahin gekommen? Und so hoch? „That´s shit.“ Nehme mir mal den Utensilienträger des Jungen und schaue hinein. Nicht viel zu sehen außer einer Bürste und einer undurchsichtigen Tube. „Anke, kannst Du mir mal ein Taschentuch geben?” „Was willst Du denn damit?” „Nu gib mal.” „That´s shit man.“ Nehme das Taschentuch und wische die Wurst erst mal grob ab und führe das schön verschmierte Tempo an meine Nase. „Laß´ das doch, das ist ja ekelhaft.“ „Wieso?“ „Das ist ekelhaft.“ „That´s shit.“ Ich rieche. Riecht nicht nach Shit. Plötzlich ist der Junge weg. „Riecht eindeutig nach Schuhcreme.“ Dummer Junge, jetzt hätte er meine Schuhe putzen dürfen, um die Schuhcremereste zu entfernen. Hätte allerdings nicht bezahlt. Na ja, die shit-on-shoe-show war gut. Das soll aber keine falschen Eindrücke hervorrufen. Die Cariocas, so nennen sich die Einwohner Rios selber, sind freundlich und hilfsbereit. Der Optiker bot uns an, uns durch die Stadt zu fahren, eine junge Frau half uns stundenlang beim Erwerb einer Telefonkarte und und und. Schließlich sind drei Wochen vergangen. Wollten eigentlich nur zwei Wochen bleiben, aber Erkältungen bzw. Brasiliengrippe hielten uns fest. Dann gab es noch einen besonderen Höhepunkt. Ausgerechnet in „unserer“ Marina wurde BRASIL 1 fertiggestellt. Zum ersten Mal nimmt Brasilien am Volvo-Ocean-Race teil. Fasziniert betrachten wir jeden Tag die Fortschritte, die der Renner macht. Auf eine Teilnahme an der Tauffeier verzichten wir, als wir erfahren, daß Lula, der Staatspräsident wegen innenpolitischer Probleme auf sein Erscheinen verzichtet. Kommen Abends aber doch noch so rechtzeitig vom Tagesprogramm zurück, um uns in die letzten Züge der Feier einzuschleichen und von den gereichten Häppchen zu probieren.
Dann legt neben uns die SEARCHER an, und wir erfahren von Skipper Alve vieles über das Segeln in den Hohen Breiten, speziell bei Kap Horn. Zum Abschluß besuchen wir per Fähre das jenseits der Guanabara-Bucht gelegene Niteroi. Hier soll es mehr Niemeyer-Bauten geben als sonst wo in Brasilien. Leider hatte das Museum für moderne Kunst – ähnelt einem UFO - gerade geschlossen. Und die anderen Bauten waren entweder im Rohbau, oder noch gar nicht begonnen. Wegen Geldmangel ist der ganze Campo Niemeyer seit einem halben Jahr eine Bauruine. Macht nichts. Zum Abschluß besuchen wir noch einmal Corcovado, diesmal per Zahnradbahn, und Zuckerhut, und dann heißt es endgültig Abschied nehmen. Am nächsten Tag starten wir kurz vor Sonnenuntergang und können noch einmal die phantastische Silhouette Rios in der Dämmerung geniessen. Mangels Wind motoren wir zunächst. Mit niedriger Drehzahl, da das Unterwasserschiff in den drei Wochen stark bewachsen ist und der Propeller unrund läuft. In der Nacht kommt freundlicherweise Wind auf und wir können segeln. Kurz nach der Morgendämmerung schält sich die Einfahrt zur Bucht von Ilha Grande aus dem Dunst. Die Bezeichnung ist irreführend, denn es handelt sich nicht um eine Bucht von Ilha Grande, sondern um eine weitaus größere Bucht, die von Ilha Grande zum Meer hin geschützt wird. Finden eine kleine, versteckte Bucht, von außen nicht einsehbar, in der wir erst einmal vor Anker gehen. Ein perfektes Piratennest. Es folgen meist sonnige Tage in einem wunderbaren Revier. Hier gibt es angeblich 360 Inseln, praktisch für jeden Tag eine. Und Buchten und Ankerplätze. Kann man gar nicht alles erforschen. Wir besuchen nach einigen Tagen Angra dos Reis, die größte Stadt an der Bucht. Treffen vor der Pousada von Klaus, dem hiesigen TO-Repräsentanten, die BREAKPOINT und die ATLANTIS. Es folgen gemeinsame Tage mit Klönschnack und abendlichen Barbecues. Tom von der BREAKPOINT muß sich aufgrund unvorsichtiger Äußerungen als Grillmaster beweisen. Und er überzeugt. Dann bekommen wir noch netten Besuch: Sylvia, Michael und Beate von der TANOA reisen per Bus von Rio an und machen mit uns einen Tagestörn zur „Blauen Lagune“. Als wir auf der Rückfahrt nach Angra sind, wo ihr Bus abfährt, stellt Michael plötzlich fest. „Mist, wir sind zu früh umgekehrt.“ Wir waren gemeinsam bis zu den Abrolhos gesegelt, aber dort sind sie genervt vom Schwell und entgegen ihrer ursprünglichen Absichten nach Salvador zurückgekehrt. Rio haben sie jetzt per Flieger aufgesucht. Nach einigen Tagen setzen wir uns gemeinsam mit der BREAKPOINT ab und erkunden aufs Neue die Inselwelt. Beim Inselchen Buzios, man kann hier nur tagsüber ankern und muß abends einen geschützteren Ort suchen, fahren wir per Dingi an einen der Felsen und schnorcheln ein wenig. Wieder im Dingi starte ich den Außenborder. „Anke, kannst den Anker reinholen.“ Nach ein paar Zügen an der Leine: „Geht nicht, sitzt fest. Wieso hast du den auch auseinandergeklappt.“ Wir nutzen für das Beiboot einen Klappdraggen. Ich halte von den Dingern eh nicht viel. Das Dingi lag die ganze Zeit nur vor dem Gewicht, da er sich beim Absenken wieder geschlossen hatte. Bei einem Tauchgang hatte ich die Ankerleine einmal angehoben, um zu prüfen, wie schwer der Draggen unter Wasser ist. Dabei klappten die Fluken auseinander und ich ließ es so. Der Anker lag auch schön auf einem Sandfeld. Aber jetzt hat er sich offenbar verhakt. Was hilft es. Da ich tiefer tauchen kann und mit dem Druckausgleich weniger Probleme habe muß ich ins Wasser. Verzichte auf Gewichte und ziehe mich an der Ankerleine in die Tiefe. Die letzten anderthalb Meter sind die fiesesten, da ich wegen der etwas undichten Taucherbrille und der schnellen Abstiegsgeschwindigkeit den Druckausgleich auch nicht gut hinbekomme. Der Anker hat sich doch tatsächlich mit einer Fluke unter einer Felsplatte verkeilt. Rüttle und wackle, aber er kommt nicht raus. Ächz auftauchen. Nochmal runter, rütteln und wackeln, kein Erfolg.
Nächster Gang, versuche mich unten auf die Füße zu stellen und den Draggen am Schaft rauszuhebeln, stoße dabei mit einer Hand an einen Seeigel, habe aber Glück, keine Stacheln. Und kein Erfolg. Ächz. Nochmal runter. Auf halber Strecke verfängt sich mein rechtes Bein in der losen Ankerleine. Arrrg. Nur die Ruhe bewahren. Bein auswickeln und wieder an die Oberfläche. So ein Mist. Ein paar mal tief durchatmen und wieder runter. Diesmal bin ich ganz wild entschlossen, wirble um meine Achse, stelle mich auf den Grund, beschleunige den Körper nach unten und habe jetzt für ein paar Momente keinen Auftrieb. Diesmal ziehe ich an einer der Fluken - und habe Glück. Der Anker ist frei. Loslassen oder mitnehmen? Lieber mitnehmen bevor er sich wieder verhakt. Auch wenn es den Aufstieg deutlich verlangsamt.
Weiter nach Parati, einen sehr malerischen Ort im äußersten Südwesten der Bucht. Hier komme ich in einer Kneipe zu einer geradezu klassischen Betrachtung: „So habe ich mir das Leben und Reisen in Südamerika vorgestellt: in einer gemütlichen Bar sitzen, in der jazzige oder alte südamerikanische Kneipenmusik gespielt wird, was Kleines, Leichtes essen, ein kaltes Bierchen zischen oder einen Cocktail schlürfen, draußen scheint die Sonne, und (die Bar hat zahlreiche mannshohe Türen, keine Fenster) und vor den Fenstern schlendern traumhafte Morenas mit schwingenden Hüften vorbei.“ Vor den Fenstern schleppt ein Mann eine Leiter vorbei und zwei beleibte Touristen geraten ins Blickfeld. Na ja, auch Bruce Chatwin hat mal festgestellt, daß er Reportagen schreibt, aber ein wenig Fiktion sei immer dabei. Oder auch: kein irdisches Paradies ist ohne Makel. Aber von den gerade fehlenden Morenas kann man ja ein wenig träumen. Weiter geht es zu den beiden in der Nähe gelegenen „Fjorden“. Tief ins Land eingeschnittene schmale Wasserzungen an deren Scheitel Mangrovensümpfe warten. Da warten allerdings auch noch Sandflies auf Opfer und stürzen sich in Scharen auf unser frisches Fleisch, als wir mit Tom und Tatjana eine gemeinsame Dingiexpedition machen. Am nächsten Morgen beobachten wir hektisches Treiben auf BREAKPOINT, und tatsächlich, Tom und Tatjana gehen Anker auf. In die Flucht geschlagen von Miriaden Moskitos. Ihre Mückennetze waren zu grob gestrickt. Unsere haben gehalten, aber von außen sind sie schwarz von den Mistviechern! Da flüchten wir lieber auch. Frühstücken können wir noch unterwegs! Nachdem wir den Atlantik erreicht haben steht der Wind gut und wir setzen die Segel. BREAKPOINT ist uns eine gute Stunde voraus, aber wir holen sichtbar auf. Auf BREAKPOINT geht plötzlich das Groß hoch, und jetzt müssen wir uns anstrengen, um dran zu bleiben. Mit unserem vielen Bewuchs als Bremse gibt es da Grenzen. Jaja, ein Boot segelt, zwei Boote segeln eine Regatta. Übernachten bei der Ilha das Couves und motoren am nächsten Tag nach Ilha São Sebastiao, genannt Ilhabela – schöne Insel. Wieder mal kein Wind. Liegen kostenlos in einem feudalen Club, mit phantastischen Anlagen, Sauna, Tennisplatz, Swimming-Pool, kleinem Strand, Restaurant und Sushi-Bar!!!!!! Davon kann man in Deutschland nur träumen. Hilft nichts, jetzt werden Tom und Tatjana zu Sushi verführt. Nach anfänglichem Zögern sind beide sehr angetan und Tom prägt den Ausdruck der Fischpraline. Hier trennen sich unsere Wege, da wir nach Santos wollen, um einige Bootsarbeiten zu veranlassen. Laufen Santos bzw. Guarujá auf dem gegenüberliegenden Ufer am frühen Morgen bei Nebel an. Ein faszinierend gespenstisches Erlebnis. Machen bei Supmar (sprich: Supimar), einer Familienwerft fest. Dort liegen wir seit ein paar Tagen. Die neuen Steckschotten, ein neues, hoffentlich dichteres Alu-Schiebeluk und ein Tagestank für den Dieselofen und diverses andere sind fertig. Wir sind auch fleißig, wenn wir nicht gerade mit den Stegnachbarn Churrasco machen oder gemeinsam essen gehen. Superfreundliche Leute. Marcello stellt uns spontan seinen Volvo für Ausflüge zur Verfügung, bei Dieter können wir ins Internet ... und Schweißer Pedro aus Punta Arenas bringt uns noch vor der Arbeit Kuchen zum Frühstück. Sind froh, daß wir uns doch entschlossen haben, die Arbeiten noch in Brasilien zu erledigen. Und der Simmerring der Wasserpumpe hat sich selbst repariert, sie leckt nicht mehr. Manchmal muß man die Sache eben einfach aussitzen. Für alle Fälle haben wir bereits in Angra Ersatz an Bord genommen. Sind immer wieder von Brasilien und den hiesigen Möglichkeiten fasziniert.
So, nun ist genug geschrieben, sind schließlich beim Heute angekommen. In den nächsten Tagen geht’s weiter nach Porto Belo.


Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten und fair winds

Martin + Anke
SY JUST DO IT, z. Zt. Guarujá, Brasilien

PS.: Anläßlich eines abendlichen Gesprächs möchten wir noch einen Nachtrag machen. Hatten von elterlicher Seite Besorgnis hinsichtlich der hiesigen Hygiene- und Toilettenverhältnisse gehört. Natürlich kann man hier schon recht makabre Örtchen vorfinden, z. B. in mancher Hinterhofkneipe in Salvador, aber in der Regel sind die Verhältnisse gut, und nach oben gibt es eine völlig offene Skala. Den Vogel abgeschossen hat sicher das Restaurant der Bahia-Marina, ebenfalls in Salvador, ein richtiges Wohnklo, durchgestylt, mit frischen Blumen, nur die Liege fehlte. Oder wahre Designerklos im Soho und im Madame Butterfly, beides Japaner. Und die Sanitärräume des Restaurants Barracuda der Marina in Rio boten u.a. auch Zahnseide! Genauso sieht es in den meisten Küchen aus. Sehr ordentlich und sauber, teils mit einem Standard, den man auch in Deutschland nicht findet. Das Personal arbeitet gelegentlich mit Mundschutz, Handschuhen und Haarnetzen! Also keine Sorge, wir leben keineswegs gefährdet.

Bilder:
235: Churrasco in Klaus Pousada, Tom + Tatjana + Anke bei den Vorbereitungen
236: Ein Miniinselchen – Buzios
237: Lagoa Azul (Blaue Lagune) auf Ilha Grande in Abendstimmung
238: Straße in Parati bei auflaufender Flut
239: Paddeln in den Mangroven des Saco Mamangua
240: Sushi-Bar Iate-Club Ilhabela (Wie entstehen Fischpralinen?)
241: Neblige Einfahrt nach Santos/Guarujá
242: Pedro + Martin Fachsimlen auf der zukünftigen ENDURANCE