Just do it - das SOM-Tagebuch

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SOM 11:

Brasilien nach Argentinien - von Porto Belo nach Buenos Aires 03.12.05



Ihr Lieben, dear friends, auch diesmal war lange nichts von uns zu hören. Sicher eine Folge der langen Wochen, die wir hier und da verbracht haben. Natürlich haben wir viel erlebt und wollen nun ein wenig davon berichten. Viel Freude beim Lesen, und lasst mal von Euch hören. Wir freuen uns über jede Nachricht, denn wir erhalten immer noch nur wenig Post.




Mit viel Wehmut verlassen wir all die neuen Freunde in Santos. Ronaldo, Graça, Dieter und Marcello winken, als wir den Liegeplatz verlassen.
Wir kommen allerdings nicht weit. Beim Tanken im Yachtclub stürzt Anke so unglücklich, daß wir beschließen, noch einen Tag zu bleiben. Ein Fehler? Das Wetterfenster jedenfalls ist nur von kurzer Dauer und schließt sich schnell. Porto Belo können wir nicht mehr erreichen. Suchen stattdessen Schutz hinter dem Inselchen Bom Abrigo. Das bedeutet „gute Zuflucht“. Sind nicht allein. Mehr als zwanzig Fischer liegen hier bereits, und es werden immer mehr. Haben uns wohl richtig entschieden. Zwei Tage später können wir weiter und erreichen ohne Probleme unser Ziel. Nur ein nächtliches Intermezzo hatten wir: Anke hat die erste Wache, ich liege bereits in de Koje. „Martin.“ „Martin, du musst kommen. Dieser verdammte Fischer blendet mich dauernd an. Ich weiß nicht was der will und was ich machen soll. Man sieht überhaupt nicht, wo der hin fährt!“
Direkt vor unserm Bug geistert recht nahe ein kleiner Trawler herum. Wir waren bereits vor einer halben Stunde auf einen anderen Kurs gegangen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Jetzt ist er schon wieder im Weg. Höre, als ich aus dem Bett springe und in meine Schuhe schlüpfe, daß wir auf portugiesisch angerufen werden. Übernehme das Ruder, Anke soll funken. Verständigung klappt aber nicht. Ich rufe Anke zurück.
„Der Bullenstander muß weg.“
Anke turnt auf das Seitendeck neben dem Salon und löst die Leine, die das unbeabsichtigte Herumschlagen des Großsegels verhindert, die jetzt allerdings auch unsere Manövrierfähigkeit einschränkt.
„Sag mir, wenn er frei ist.“
„Ist frei.“
„Komm zurück, aber halt den Kopf unten, falls ich eine Gefahrenhalse machen muß.“
Der Trawler ist mittlerweile näher gekommen. Gefahrenhalse, oder in Ruhe schiften. Offenbar fährt er jetzt auch einen Bogen. Keine Posis, nur Arbeitsleuchten, die sich drehen. Wo ist bei diesem Mistkahn vorn und hinten? Wenn der Idiot wenigstens nicht mit seinem Scheinwerfer blenden würde. Ich entschließe mich dafür, wie im Autoverkehr nach rechts auszuweichen.
„Wir schiften.“
Sind vielleicht noch fünfzig Meter entfernt. Anke holt die Großschot dicht, ich löse die Klemme und steuere einen engen Bogen. Das Segel kommt rum. Im gleichen Moment erkenne ich:
„Das gibt es doch nicht, der geht nach links!“
Genau dahin, wohin wir ausweichen. Jetzt keine Panik. Schnell überlegen. Wenn wir uns jetzt beide entschließen wieder in die andere Richtung zu schwenken kracht es garantiert. Ich bleibe bei meiner Drehung und fahre eine 180° Kurve, so kann ich vor ihm herlaufen. Und er weicht doch jetzt tatsächlich nach rechts aus. Gute Entscheidung. Gehen dann erst mal im rechten Winkel von ihm weg. Das war aber wirklich knapp. Höre Rufe von seinem Deck und wütendes Geblinke mit einer Lampe. Anke sitzt genauso wütend an der Funke:
„Porque voçe nao tem luzes de navigaçao?!!“
Sieh da, die Posis des Fischers gehen an!

Fast zwei Wochen verbringen wir in Porto Belo. Treffen unsere ersten Pinguine: Magellan-Pinguine (Spheniscus magellanicus). Finden auch hier neue Freunde, Eric und seinen Vater, die in einer kleinen Bucht ein schwimmendes Restaurant betreiben, und Peter, den örtlichen TO-Repräsentanten, der uns hilfreich zur Seite steht und uns auf der Weiterfahrt per Amateurfunk mit Wetterinformationen versorgt. Ankern meistens vor dem hiesigen Yachtclub und können dessen luxuriöse Facilities kostenlos nutzen. Die Wartezeit für das nächste Wetterfenster wird uns nicht lang. Machen Wanderungen in der Umgebung, Spaziergänge im Ort, und klarieren schon einmal aus, denn unsere offizielle Zeit in Brasilien neigt sich dem Ende zu. Aber es läuft anders als erwartet. Auf der nächsten Etappe, die uns nach Rio Grande bringen soll, gibt es zunächst keinen Wind. Motoren und motoren, und die nächste Front kündigt sich an. Haben im Vertrauen auf Wind nicht nachgetankt. Was für ein Mist. Jetzt reicht der Sprit nicht. Müssen nach Laguna zum nachtanken. Da können wir aber in der Nacht nicht rein, die Einfahrt ist zu tückisch. Ringen uns daher durch, zunächst nach Imbituba zu gehen. Dieser kleine Industriehafen ist nachts problemlos anzusteuern. Unsere Wahl wird belohnt. Kaum sind wir drin, erreicht uns auch schon die befürchtete Front, doch wir liegen geschützt und sicher. Auch kommen mehr und mehr Fischer und suchen hier Schutz. 5 lange Tage liegen wir hier. Ein erster Versuch, Laguna zu erreichen scheitert auf halber Strecke, die nächste Front prügelt uns wieder zurück. Und es wird abscheulich kalt. Erstmals seit England wird unser Ofen in Betrieb genommen!

Die Einfahrt nach Laguna wird spektakulär. Die Brandungswellen verlaufen quer zur Einfahrt. Manche steilen sich auf, brechen und rollen dann mit einem Affenzahn voran. Die Gischt weht in einer langen Fahne vom brechenden Kamm. Und da soll es durchgehen? Wir tasten uns mit langsamer Fahrt näher. Noch einmal nach Imbituba ablaufen wollen wir nicht. Großsegel runter. Alles Bewegliche wegstauen. Laptop sichern. Schotten dicht. Dann weiter ran. Anke gibt mir Korrekturen des Kurses nach den vorher festgelegten GPS-Wegepunkten. Aber kurz vor dem Beginn der Brandungszone geht es nur noch nach Augenmaß und Einschätzung der Situation. Vor dem linken Molenkopf liegen Riffelsen, auf den rechten Molenkopf rasen manche der brechenden Wellen zu. Wir beobachten. Die brechenden Wellen steilen sich zu zwei, zweieinhalb Metern auf. Sie sind nicht sehr lang. Immerhin. Vielleicht 100 Meter. Meist kommen drei, vier wüste Brecher, dann folgt wieder eine ruhige Phase. Überlege mir eine Taktik. Die nächsten Brecher abwarten und gleich mit Vollgas starten, bevor die nächste Serie kommt. Auf der rechten Mole parken Autos und man kann auch ein paar Angler sehen. Auch noch Zuschauer. Na ja, wenn´s schief geht werden die ja wohl Alarm schlagen. Wir stehen mit geringer Geschwindigkeit auf Hab Acht. Es kommen aber keine Brecher. Verflixt noch mal, was nun? Sieht aber immer noch friedlich aus, seeseitig. Dann eben anders. Ich drücke den Gashebel fast ganz nach unten, und der Diesel springt auf 3.300 Touren. Die Beschleunigung des Bootes kommt mir quälend langsam vor. Die 10,5 Tonnen machen sich bemerkbar. Oder ist es nur die verzerrte Wahrnehmung? Anke ruft mir die Geschwindigkeit nach GPS über Grund zu:
„5 Knoten!“
Wieso sind wir so verdammt langsam?
„6,3 Knoten!“
Mann, Mann, 250 m sind aber lang.
„7,3 Knoten!“
Das klingt schon besser, noch die halbe Strecke, dann sind wir zwischen den Molenköpfen. An backbord kommt eine Welle und bricht auf den Riffelsen vor der Backbordmole. Zu klein, die kann uns nichts anhaben.
Und dann gleitet JUST DO IT zwischen beiden Molenköpfen hindurch. Gashebel zurück, scharf rechts um die Ecke, bloß nicht übers Ziel hinausschießen.
Laguna ist ein kleines Paradies. Ein nettes, teilweise malerisches Örtchen, an einer großen, flachen Lagune gelegen. Wir sind die einzigen Gäste des winzigen Yachtclubs.
Als Highlight gibt es ein tägliches Wasserschauspiel: Delphine und Fischer haben eine gut gehende Arbeitsgemeinschaft gegründet. Es ist gerade Meeräschen-Saison. Zunächst schlagen die Fischer, am Ufer stehend oder in einem Boot wartend, mit den Netzen auf die Wasseroberfläche. Dann nähern sich die Delphine, es handelt sich um Große Tümmler, also Verwandte Flippers, und treiben den Fischern die Beute in die Wurfnetze. Der Fang wird offenbar geteilt. Das ganze dauert stundenlang bis eine Partei keine Lust mehr hat.

Zwei Fronten später brechen wir erneut auf. Die Delphine geleiten uns aus der Lagune heraus und lachen uns zum Abschied noch fröhlich hinterher. Die Ausfahrt wird noch abenteuerlicher als die Einfahrt, aber wir kommen heil durch die brechenden Seen und dann liegt der offene Ozean vor uns. Der Wetterbericht verspricht guten Wind aus der richtigen Richtung. Die Wirklichkeit meint es dann aber fast zu gut. Der Wind frischt auf bis zu 40 Knoten auf, also fast schon ein kleiner Sturm. Aber Onkel Heinrich, den ich noch ein wenig bearbeitet habe, macht seine Sache gut. Ich weniger und gehe wegen persönlicher Dummheit beinahe außenbords. Wie war das noch: die See verzeiht keine Fehler. Oder Leichtsinn kommt vor dem Fall? Viel Zeit, darüber nachzudenken bleibt bei dem Wetter allerdings nicht. Zum Trost begegnen uns die ersten Albatrosse. Schwarzbrauenalbatrosse (Diomedea melanophris). Die Einfahrt von Rio Grande do Sul erreichen wir noch bei Dunkelheit und motoren dann stundenlang bei starkem Gegenstrom zum Museo Oceanographico, an dem man umsonst liegen kann. Wir sind völlig verblüfft, als wir trotz der frühen Morgenstunde mit Hupkonzert und Gejubel empfangen werden. Die Besatzungen von NEW DAWN, MATAHARI und BREAKPOINT hüpfen aus den Betten, und auch Museumsangestellte und der Direktor erwarten uns! Hier hatten sie einen anderen Wetterbericht, der den starken Wind vorhersagte, und mit entsprechender Sorge wurde unsere Fahrt verfolgt. Am Abend gibt es dann ein Asado (Grillfest), mit Lauro, dem Chef des Museums als Grillchef.

Wir nutzen den Aufenthalt zu einem Landausflug. Wollen uns ein paar Canyons im Nationalpark Aparados da Serra anschauen. Kehren in einer malerischen Pousada, der Pedra Afiada, ein. Nur wenige Gäste, zum Schluß sind wir sogar die einzigen. Werden dennoch hervorragend bewirtet und versorgt. Lauter Leckereien, vieles hausgemacht. Verbringen hier ein paar Tage mit Wandern, klettern ein wenig an der Kletterwand der Pension, lernen die hiesigen Reste des atlantischen Regenwaldes kennen und reiten sogar. Nach zwei Stunden bin ich aber froh, daß ich wieder runter kann. Der Sattel ist mir zu klein und ich stoße ständig mit meinem Steiß gegen den hinteren Sattelkranz. Die Landschaft ist hier völlig verschieden von der Küstenlandschaft. Ein waldreiches Bergland, an dessen Übergang zur Küstenebene sich zahlreiche langgestreckte Kerbtäler ausgebildet haben, die Canyons. Auf der Rückfahrt haben wir an einem bestimmten Abschnitt der Nationalstraße zum ersten mal eine Begegnung mit Indigenas. So werden die Abkömmlinge der Indianer hier genannt. Sie leben in einfachen Korb- und Flechthütten, etwas abgesetzt am Straßenrand. Die Lagerplätze sind offenbar bewusst in der Nähe der Lagune gewählt. Offenbar leben sie unter anderem vom Fischfang. An der Straße bieten sie Korbwaren und Schnitzereien an. Wir erstehen hier ein Tatoo, ein geschnitztes Gürteltier, daß (in der Funkrunde) recht schnell recht lebendig wird.

Wieder zurück in Rio Grande hetzt uns Lauro zu den Einklarierungsbehörden. Wollten wir eigentlich vermeiden, da wir ja die Zeit überzogen haben. Na ja, er hat wohl Probleme bekommen, da er einen großen Presserummel um eine Pinguin-Aussetz-Aktion gestartet hat. Dumm war nur, daß die beiden Boote, die die Pinguine aussetzen sollten, sich bei den Behörden nicht ordnungsgemäß gemeldet hatten. Uns bringt das jetzt geschlagene drei Tage Lauferei, um ein- und gleich wieder auszuklarieren. Über diese Episode könnte man ein eigens Buch schreiben. Aber diesmal ist es endgültig die letzte Behördentour in Brasilien. Mit viel Wehmut auf der einen Seite, aber auch dem Gefühl, jetzt kann man auch mal wieder etwas anderes sehen, machen wir uns auf den Weg. Noch inmitten der Hafenanlagen begrüßt uns ein Südamerikanischer Seebär (Arctocephalus australis), was wir als gutes Omen nehmen. Die Fahrt verläuft ruhig und angenehm. Nur Anke hat in der Nacht mal wieder eine nahe Begegnung der unheimlichen Art. Aus dem Dunst tauchen achtern zwei weiße und ein grünes Positionslicht auf, nach einiger Zeit aber zusätzlich das rote. Kollisionskurs! Anke ruft den Frachter an, der sich nach einiger Zeit auch meldet. Was denn sei?
„This is sailing Yacht JUST DO IT. I am the small radar-echo just in front of your bow. Please change course.”
„Don´t worry, I change course. To which side?”
„It doesn´t matter, but please pass by in a comfortable distance.”
„Ok, I will pass at your starbord side.”
Der Frachter dreht allerdings kaum merklich ab und passiert in lediglich einer knappen Viertelmeile Abstand. Anke ist darüber doch ein wenig verärgert und ruft den Frachter noch mal an, versucht zu erklären, dass ein etwas größerer Abstand vielleicht doch besser wäre.
„Please, Sir, why did you pass so near. This was not a comfortable distance.”
„I do not understand, this was a safe distance.”
„For a small sailing yacht, this distance is not comfortable. We are so small compared to your vessel and with the actual wind we move very slow. We can not make quick emergency manouvers.”
Später überlegen wir, daß man einem Frachteroffizier wahrscheinlich erklären muß, daß die Segel einer Yacht auf hoher See aus Sicherheitsgründen stets durch Bullenstander usw. fixiert sind, so daß ein schneller, deutlicher Kurswechsel oft nicht möglich ist. Nehmen an, daß die Offiziere denken, eine Yacht ist klein, schnell und wendig.
Am nächsten Abend erreichen wir Punta del Este in Uruguay pünktlich zum Sonnenuntergang. Beschließen, hier zu ankern und uns auszuruhen und morgen früh weiter zu fahren. Der Anker fällt, leider nur ein bisschen. Die Ankerwinsch blockiert. Zerren die Kette per Hand raus. Wieder Arbeit für Buenos Aires. Immerhin zieht die Winsch die Kette noch hoch. Eine Nacht noch auf dem Rio de la Plata, dann sind wir am nächsten Etappenziel. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden wechseln wir die Gastlandsflagge. So viel Farbwechsel auf einmal. Das ist man gar nicht mehr gewohnt. B.A. empfängt uns mit herrlichem Sonnenschein. Vor dem Hafen kreuzen zahlreiche Segel, offenbar ist Regattatag. Deshalb bekommen wir auch keinen Platz im altehrwürdigen Yacht Club Argentino (von 1883), sondern müssen in den Puerto Madero ausweichen. Auch nicht schlecht. Kostet zwar recht viel Liegegeld, aber ein wenig Nachlaß handeln wir heraus. Dafür liegen wir aber mitten in der Stadt und können das Zentrum in wenigen Minuten zu Fuß erreichen. Und rund um das Hafenbecken gibt es Bars und Restaurants in Hülle und Fülle.

Jetzt wollen wir mal einen Strich machen. Von B.A. berichten wir mit der nächsten SOM, und die kommt hoffentlich schneller.


Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten und fair winds

Martin + Anke
SY JUST DO IT, z. Zt. Buenos Aires, Argentinien


Bilder:
Som11-1: Pinguin (unser erster vor Porto Belo)
Som11-2: closeencounter (Nächtlicher Fischer, etwas nahe)
Som11-3: SchwacherSkipper (ohne Mampf kein Kampf)
Som11-4: Laguna (Fischerhütten, nur eine Facette der Stadt)
Som11-5: LaurosParty (wann gibt´s endlich Fleisch?)
Som11-6: Ankeklettert (nicht Lola rennt)
Som11-7: Kleiner Mann (keine Angst vor großen Tieren)
Som11-8: Flaggen (nach 7,5 Monaten Brasilien neue Farben)