Just do it - das SOM-Tagebuch

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SOM 6: Eine Weihnachts-SOM

Lanzerote – Fuerteventura – Gran Canaria – La Gomera – Teneriffa – Gran Canaria



Nachdem der Mast endlich wieder auf dem Boot stand, konnten wir auch ans Weitersegeln denken. Zunächst führte unser Weg an der Westküste Fuerteventuras entlang. Wir machten nur zwei Übernachtungsstops und gingen dann gleich weiter nach Las Palmas, Gran Canaria. Im November treffen sich hier jedes Jahr zahlreiche Segler, um mit der Antlantic Rallye for Cruisers (ARC) am Monatsende in die Karibik zu starten und dort vor dem Weihnachtsfest anzukommen. Nachteil: Im Yachthafen gibt es keinen Platz mehr für normale Segler wie uns. Das bedeutet Ankern neben dem Yachthafen. Und da wir nicht gerade die ersten waren, mussten wir uns einen Liegeplatz relativ weit zum Handelshafen hin suchen. Auf recht felsigem Grund und wir hatten Sorgen, ob der Anker bei dem angekündigten schlechten Wetter auch hält. Na, dachten wir, müssen wir halt viel mit dem Dingi fahren. Was wir auch ausgiebig taten. Machten unsere Besorgungen und Organisatorisches, warteten auf meinen Bruder, der uns ein paar Tage begleitete wollte und hatten dann vor, nach Puerto Mogan zu segeln. Aber, als es so weit war wollte der Anker partout nicht wieder an die Oberfläche. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als einen Taucher zu holen. Der befreite das gute Stück für 100,- EUR. Ein teurer Ankerplatz also. Inzwischen war der Tag weit vorangeschritten, das Wetter hatte sich verschlechtert und mein Bruder kam in den Genuss seiner ersten Nachtfahrt auf einem Segelboot mit bis zu 4 m hohen Wellen und Eindringen in ein militärisches Sperrgebiet mit anschließendem Verjagen durch die Militärpolizei (ehrlich, das Sperrgebiet war in unserer nagelneuen Seekarte nicht eingezeichnet). Aus dem nächtlichen Ankerzwischenstop wurde also nichts und wir gingen direkt nach P. Mogan. Ist zwar auch ein Ort halb aus der Retorte, aber im Gegensatz zu den üblichen Touristenghettos sehr gelungen. Mit dem Mietauto machten wir Erkundungstouren in das Innere der Insel und suchten wie immer eine Bodega, um unsere Weinvorräte aufzufüllen. Nach DEN vielen Touristenghettos und Betonburgen der Küste überraschte das Inland mit spektakulären Landschaften, steilen Felsen, engen Schluchten und kurvenreichen Straßen, die nur selten mehr als 40 Stundenkilometer zuließen. Eigentlich ein Paradies für Motorradfahrer. Martin hatte schon so merkwürdige Zuckungen in der rechten Hand. Von hier ging es nach Gomera. Eine schöne und grüne Insel, nicht so überlaufen und ein Paradies (schon wieder eins) für Wanderer. Und jeden Tag kommt ein neues Boot mit Freunden von den früheren Stationen unserer Reise. Ein richtiger Treffpunkt. Erkunden die Insel per Mietauto, Bus und Wanderung. Mit Bob und Anja (SY EVOLUTION) diskutieren wir das Thema Waffen an Bord. Die zwei sind endlich kompetente Gesprächspartner. Sie sind beide Polizisten, also an der Waffe ausgebildet, und sagen ganz klar: Waffen sind für einen Normalbürger Unfug und gefährden eher die eigene Sicherheit. Auch sie sind ohne Waffe unterwegs. Als sie nach einer gemeinsamen Woche in die Karibik aufbrechen sind wir traurig und fühlen uns ein wenig einsam. Ob wir sie wiedersehen? Eigentlich müssten sie jetzt auf Barbados angekommen sein. Hoffen, dass es ihnen gut geht.

Ein paar Tage später verlassen wir die anderen Freunde: Teneriffa ist das Ziel. Die Überfahrt wird spannender als gedacht, da wir offenbar schlechten Diesel gebunkert haben. Als wir bei Windstille motoren fängt der Motor an zu mucken und ich entdecke die Bescherung. Wie gut, dass wir inzwischen zwei getrennte Filtersysteme haben und umschalten können. Dafür entdecken wir, so gefordert, dass man mit unserer lieben JUST DO IT doch recht anständig kreuzen kann.
Zwei Tage nach unserer Ankunft klopft es heftigst an unserem Bug. Es ist 6:00 morgens und stockfinster. Martin springt hoch und schlägt sich den Kopf. Erst mal die Luke aufmachen. Wo ist denn die Brille, verdammt noch mal. Muß auch so gehen. Kopf durch die Luke. „Ich bringe ein Geschenk des Himmels!“ Wie bitte? „Ich bringe ein Geschenk des Himmels!“ Was ist denn das für eine Sekte? Wird man hier nachts überfallen, um zu den Zeugen Jehovas oder sonst wem bekehrt zu werden? Himmelsgeschenk?! Das kann doch nur ein Höllengeschenk sein! „Ich bringe ein Geschenk des Himmels! Seht zu was ihr damit macht!“ Zum Teufel, wo ist denn die Brille? Plötzlich eine Frauenstimme. Und dann durchzuckt Martin die Erkenntnis. Die Stimme kennen wir. Martins Tante Maria! Was soll das denn? Sie wollte eigentlich zum Frühstück kommen, aber das ließen Busfahrpläne und ein plötzlicher Auftrag ihres Freundes nicht zu. So bringt er sie halt jetzt. Machen einen gemeinsamen Ausflug zum Teide und sind von der kargen Landschaft der Cañadas und den wechselnden Eindrücken des Teide begeistert. Und außerdem schaffen wir es endlich, unsere Weinmisere zu beheben. Leider bleibt für die Insel nur wenig Zeit, denn wir müssen wieder nach Gran Canaria. Martin hat für den 1.12. einen Flug nach Deutschland gebucht, um seinen Vater anlässlich des 80. Geburtstages zu besuchen. Auch eine nette Überfahrt, nur ein Tag, aber wir haben noch nie so viele Segelwechsel in so kurzer Zeit gemacht. Von 40 kn Wind bis 0 und wieder zurück auf 25 kn und alle Richtungen außer Nord in etwa 10 Stunden. Puh. Na, und dann verpasst er noch fast den Flieger, weil der Bus einfach am Flughafen vorbeifährt. Aber es ist noch gut gegangen. In Deutschland passiert ihm plötzlich, was wir hier nicht schaffen: Für niemand erreichbar zu sein und niemand erreichen zu können. Ist man gar nicht gewohnt. Immerhin bekommt er das so sehnlich erwartete Amateurfunkgerät, viele Ersatz- und Ausrüstungsteile und schafft wenigstens einen Teil der Besuche bei Freunden und Helfern. Ganz persönlich, ich hoffe, es ist niemand böse, den ich nicht besucht oder angerufen habe, aber eine Woche ist doch verdammt kurz, und manches geht einfach nicht, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Und wenn man dann kein Handy mehr hat, ist das ganz besonders schwierig, vor allem, wenn man die meiste Zeit im Auto sitzt und kreuz und quer durch Deutschland rast.
Ich bin richtig froh, als ich im Flieger zurück sitze. Dumm nur, dass die Sitznachbarin erkältet war. Kaum in Gran Canaria angekommen bekomme ich eine heftige Erkältung, und wenige Tage später Anke ebenso. Hoffen, dass sich Beate nicht angesteckt hat. Ankes Schwester kam zwischendurch zu einem kurzen Besuch in die Sonne. Mit ihrer Abreise schwindet auch die Sonne und wir haben die besondere Ehre, hier das schlechteste Wetter seit Menschengedenken zu erleben. 6 Tage norddeutsches Schmuddelwetter, nur etwas wärmer. Vielleicht sollte man den Ofen anmachen? Immerhin wird einem so sogar norddeutsch weihnachtlich zu Mute. Und so kommen wir zur eigentlichen Absicht dieser SOM:

Allen daheimgebliebenen und reisenden Verwandten, Freunden und lieben Menschen ein

FROHES FEST und ein gutes, gesundes, glückliches NEUES JAHR

und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel und stets fair winds. Wie wichtig die Handbreit Wasser ist, konnten wir vor vier Tagen erleben. Knapp 200 m von unserem Liegeplatz entfernt hat sich ein Katamaran vom Ankerplatz losgerissen und ist auf die Felsen getrieben. Wenn man es nicht gesehen hat, mag man gar nicht glauben, in wie kurzer Zeit Wind, wellen und Felsen ein Schiff zerstören.

An Ankes Geburtstag (den ich – wie fast alle Geburtstage - prompt vergessen hatte – Schande über mich) gab es noch ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk: kein Weihnachtsmärchen. Es war einmal eine kleine, braune Kakerlake mit grünen Rändern. Die beobachtete Martin, der gerade dabei war, dass Antennenanpassgerät für die neue Micky Maus (Amateurfunkgerät) einzubauen. Da flog sie einfach so an seiner Nase vorbei und hatte im Sinn, sich ein neues Zuhause zu suchen. „Anke, komm schnell, hier ist so ein Viech gelandet, so ein Tier, ne Art Grille oder so. Ich kann nicht gleichzeitig die Luke aufhalten, die Leinen bewegen und das Viech fangen.“ Anke kommt, sieht, und ...
„Grille! (verächtlich) Eine Kakerlake! Von wegen eine Grille.“ Die arme Kakerlake ward verfolgt, eingekreist und hat den Geburtstag und Vorweihnachtszeit nicht überlebt. Das ist natürlich eine traurige Weihnachtsgeschichte, allerdings nur für die kleine Cucaracha. Für uns weniger, denn: merke, liebes Kakerlakenvolk, bleibe zu Hause, fern von Schiffen, und nähre dich redlich - an Land. Kommentar von Jane vom Boot gegenüber „Wenn ihr in diesem Hafen keine Kakerlaken an Bord habt, ist mit eurem Boot was nicht in Ordnung. Hier hat jeder Kakerlaken.“ Und unser unmittelbarer Nachbar Guido reimt: „Stimmt.
Kannste eine sehn
haste zehn.“
Na dann.
Tags drauf hat Anke mindestens 20 Kakerlakenfallen gekauft, die aber, um den Weihnachtsfrieden zu wahren, noch nicht eingesetzt wurden. Und noch mehr Tupperdosen als passive Verteidigung.

Ganz stolz sind wir auf die neue Funke. Nachdem wir alle Bestandteile ordentlich verkabelt und gestalterisch anspruchsvoll in unsere kleine Naviecke integriert hatten, hörten wir immerhin schon die Deutsche Welle. (Nachbars Kommentar: „Nicht schlecht für ein 2000 Euro-Radio!!!“) Nach weiteren Anpassarbeiten hörten wir immerhin schon mehrere Radiosender, vor allem afrikanische, ist ja auch nicht weit, und ist ja schon was, und tatsächlich einen Funker quatschen. Verstehen konnten wir ihn allerdings nicht. Noch mal eine „Anpassung“, d. h. Beseitigung einer falschen Verpolung, peinlich, und wir hörten die ersten Funker. Diesmal konnten wir sie sogar ein wenig verstehen. Dann kam Michel, der französich-kanarische Funkexperte, und sagte: alles falsch. Aber Martin hatte es doch genau so gemacht, wie man es ihm in Deutschland aufgezeichnet hatte. Na egal. Dass das Gerät vielleicht doch nicht neben der Gasanlage sein sollte, konnten wir ja einsehen, auch wenn man es nicht wissen kann. Aber der Rest. In Gottes Namen. Nachdem er um sechs Uhr gegangen war, hat Martin noch bis in die Nacht mit Taschenlampe umgebaut, ist am nächsten M0rgens um 6:30 aufgestanden und hat weiter gemacht, um um 8:00 fertig zu sein, wenn Michel zur Kontrolle und um einen Kondensator vorbeizubringen wieder kommen wollte. Und siehe, als alles fertig war, arbeitete erstmals hörbar unser Antennenanpassgerät und - - - - - wir hörten ganz viele Funker. Erfolg auf der ganzen Linie. Jetzt sind wir gespannt, ob uns auch jemand hört. Hallo, hallo, halloo?

Die vergangenen Tage sind mit Einkäufen für die großen Passagen, die bevorstehen, Verstauen der Einkäufe und allgemeinem Umstauen, vergangen. Die einzelnen Dinge sollten besser erreichbar werden und der Gewichtstrimm günstiger. Puerto Mogan hat sich in den letzten Tagen festlich herausgeputzt. Noch mehr Lichterketten und Weihnachtsdekoration. Auf dem kleinen Platz am Hafen wurde eine Bühne gebaut, und gestern hat dort ein Mädchenchor gesungen. Heute gibt es bestimmt eine weihnachtliche Präsentation. Wir sind gespannt. Immerhin, als erstes Weihnachtsgeschenk herrscht heute erstmals seit Tagen wieder strahlender Sonnenschein. Ansonsten ist heute, am Heiligen Abend, Ruhe und Besinnlichkeit angesagt. Was sonst. Nun werden wir voraussichtlich am 1. Weihnachtstag zu den Kapverden starten. Eventuell mit einem Abstecher nach Dakar. Die Weihnachtsbeachparty mit Freunden auf Sal werden wir dann leider nicht mehr erreichen. So ist halt das Fahrtenseglerleben. Es kommt alles anders als man denkt.

Liebe Gruesse Martin + Anke