Just do it - das SOM-Tagebuch

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SOM 7: Ein neues Jahr beginnt

Von Gran Canaria zu den Kapverden und daselbst



Es ist schon wegen des Aberglaubens der zweite Weihnachtstag, an dem wir Richtung Kapverden starten. Der Aberglaube besagt, man starte nicht an Weihnachten, das gibt Ärger. Aber der zweite Weihnachstag wird auf Gran Canaria nicht gefeiert, da kann also nichts passieren. Noch schnell Diesel bunkern (das Anlegemanöver an der Tanke war traumhaft, der Ableger ein Bilderbuchbeispiel, wie man es nicht macht, lieber Skipper) und dann raus aus dem Hafen. Draußen steht eine ausgeprägte Welle, aber es herrscht fast kein Wind. Der ehrgeizige Versuch, unter Segeln bis an die Seestreifen zu kommen, an denen in gar nicht so großer Entfernung Wind ist, wird schließlich aufgegeben, so unerträglich ist die Eierei. Maschine an, und hin zum Wind. Kaum beim scheinbaren Windstreifen angekommen und Segel gesetzt ist der Wind schon wieder weg. Also alles noch einmal. Dann geht es aber auch gleich richtig los. Die Genua bleibt lieber aufgerollt, stattdessen stehen Groß und Fock 1. Die sogenannte „Düse“ zwischen Gran Canaria und Teneriffa zeigt, was sie kann. Die angesagten fünf Beaufort werden auf acht gepuscht. Das ist immerhin schon ein wenig Sturm. Am nächsten Tag, aber natürlich schon in der Nacht, der Wind hat nicht nachgelassen:

„Die Genua. Die Genua rauscht aus.“

Tatsächlich. Die Leine, mit der unser größtes Vorsegel eingerollt wird hat sich gelöst und die Genua hat sich völlig ausgerollt. Sie weht schlagend noch vor dem Sturmsegel. Sie hat sich um sich selbst und das Vorstag verschlungen und ist zusätzlich von den Schoten in dieser Position gefesselt worden. Es gibt kein vor und zurück. Erster Gedanke, Schoten kappen, dann kann man den Rest vielleicht zu einer wilden Tüte aufrollen. Andererseits dürfte eine wurstige und flatternde Tüte das ganze Rigg erschüttern. Und wer weiß, wie lange der Sturm anhält. Hilft nichts, die Genua muß abgeschlagen werden. Dann ab in die Vorschiffskojen damit. Ich rufe Anke zu, was ich vorhabe. Sie bereitet alles vor, räumt die Kojenpolster und alle empfindlichen Dinge bei Seite und entriegelt das Vorschiffsluk. Zuerst muss die Sturmfock runter. Das geht trotz des bockenden Schiffs recht schnell. Dann löst Anke am Mast die Fallklemme, und ich ziehe das Segel am vorderen Liek herunter. Das geht sogar recht einfach. Anke zerrt derweil am Schothorn und Achterliek, um das Segel auf das Vorschiff zu bekommen. Der Wind fasst dauernd hinein und will es außenbords wehen.

„Lass es ins Wasser fallen, dann weht es wenigstens nicht aus!“

Ich habe Angst, dass das wilde Segel einen von uns über Bord zerrt.

Als ein Teil der Segelfläche seitlich vom Rumpf im Wasser schleift reduziert sich endlich der Winddruck, und wir bekommen es ganz runter. Leider hängt der größte Teil im Wasser. „Das Segel ist teilweise unter dem Boot!“ „Egal, nicht dran denken (wir machen kaum Fahrt durchs Wasser, da wir praktisch beigedreht treiben), ich ziehe es zum Bug, und du legst dich auf das Tuch, das ich dir dann reiche. Nicht selber nach achtern ziehen, dann kommt es nicht.“ Die Schiffsbewegungen helfen. Immer, wenn der Bug hoch aus dem Wasser gestiegen ist und beginnt, sich zu senken, kommt Lose auf das Segel. Stück für Stück kann ich es so holen. Dann treten und boxen wir es durch das Luk. Jetzt noch die Leinen und Fallen klarieren. Nach zweieinhalb Stunden Keulerei ist endlich alles geschafft. Jetzt gibt es nur eins, beidrehen und treiben lassen und erholen. Der erste Gedanke in der folgenden Morgendämmerung: Ist hier nicht die Sahara? Links von uns? Und was ist das für ein Wetter? Den ganzen Tag kühl. Himmel grau in grau.

Okay, okay. (Seit dem vorangegangenen Absatz ist ein Tag vergangen.) Wir sind doch bei der Sahara. Beim Morgengrauen ist der Himmel ganz fahl. Die Sonne geht als blasse Scheibe auf und über dem Meer liegt ein blasser, schmutzig rosa Schimmer. Harmattan. Wir haben also das große Los gezogen. Ein Wüstenwind, der feinsten Staub von der Sahara weit auf die See hinausträgt. Wir scheinen ein besonders kräftiges Exemplar abbekommen zu haben. Der Staub schlägt sich überall nieder. Am Ruderrad, an den Handläufen, an den Relingsdrähten, überall fühlt man ihn. Die Finger werden ganz trocken und rot. Augen und Nasenschleimhäute werden gereizt, Martin bekommt sogar Hüstelanfälle. Freitag, der 31.12.04 Heute ist eine Doppelpremiere. Zum ersten Mal feiern wir Silvester auf See und zum ersten Mal begehen wir den Tag auf dieser Reise. Und in der Nacht konnte wir erstmals das Kreuz des Südens erkennen. Kurz nach 13:00 ist der Silvesterschmaus geritzt. Nach etwa einer Stunde Köderbaden fängt Martin eine Goldmakrele. Anke hat am Abend die erste Wache übernommen. Martin versucht zu schlafen und will kurz vorm Jahreswechsel aufstehen, wegen des Sektes natürlich. Aber: eine halbe Stunde zu früh weckt ihn Anke:

„Draußen droht ein Unwetter. Das sind keine Schiffe, die überlagerte Munition verschießen.“ Es fällt mir anfangs schwer, das zu glauben. Aber ein Blick aus dem Niedergang nach oben – ungewohnte Wolken – und nach vorn – gerade in dem Moment ein gewaltiger Blitz – überzeugen mich ganz schnell, und männlich souverän und entschlossen kommandiere ich:

„Die Segel müssen runter, das Sturmsegel kann rauf.“

Wir bergen in echter Rekordzeit Selbstwendefock und Groß und setzen das Sturmsegel. Am Radar verfolgen wir die Zugbahnen der einzelnen Regenwolken. Wir sind mitten drin. Versuchen ihnen auszuweichen, aber schließlich sind wir umgeben von Blitzen, Donnern und Wetterleuchten. Der Spuk dauert eine geschlagene Stunde, von halb zwölf bis halb eins. Fast wie der Weltuntergang. Dabei wenig Regen. Wir verlegen erst einmal unser Silvester um eine Stunde. Das fällt nicht schwer, denn auf den Kapverden muß die Uhr sowieso um eine Stunde zurückgestellt werden. (Kapverden = UTC –1)- Das Wetterleuchten gestern war wohl doch nur das Zündeln ein paar halbstarker Wolken.

So kommen wir trotzdem zu unserem Neujahrssekt. Stammt aus dem Bremer Ratskeller und ist ein Geschenk von Herrn Blank, Ankes Vorgesetztem. Hiermit nochmals einen herzlichen Dank, wir haben den Sekt genossen. Der Harmattan begleitet uns auch weiter. Zwei Tage später machen wir Sal aus, auf eine Meile Distanz! In Palmeira, dem Hafen von Sal klariere ich ein. Dazu benötige ich 200 Escudos (=2 Euro), die ich nicht habe. Wie kommt man daran, wenn es keine Bank gibt? Ich gehe in die nächste Kneipe. Geld wechseln können sie zwar nicht, aber sie akzeptieren Euros und geben Escudos als Wechselgeld raus. Da ich keine 5-Euroscheine mit habe, bezahle ich mein Bier mit einem 2-Euro-Stück und bekomme 100 ESC zurück. 4 Euros hinlegen und 300 ESC zurückbekommen geht nicht. Also muss ich noch ein Bier trinken. Etwas fröhlicher als ich ihn kurz zuvor verlassen habe trete ich wieder vor den Beamten und zahle die Gebühren. Auf Sal verbringen wir eine schöne Zeit mit netten Leuten von anderen Booten, Carlos und Elisabeth vom TO-Stützpunkt, Enrique, einem einheimischen Fischer und Schlitzohr. Lernen die Menschen, das einheimische Leben wenigstens ein wenig und den hier gebrauten Grogue, einen Zuckerrohrschnaps etwas ausgiebiger kennen. Merkwürdigerweise kursieren nach wenigen Tagen Gerüchte von einem Martin mit elastischen Beinen, der von Yachten schwungvoll in Dingis, und von diesen elegant in die daneben schwimmenden Dingis hüpfen kann.

Die Tage sind erfüllt mit vielerlei Geschäftigkeit. Wie immer sind verschiedene Reparaturen zu erledigen, Besorgungen zu machen und Post und Paketsendungen zu organisieren. Daneben heißt es Enrique, den Fischer nebst Familie zu besuchen und ihm den Außenborder zu reparieren, und mit den andern Yachties gemeinsam die Abende zu verbringen. Nach einigen Tagen läuft die ANTJE ein, unsere Freunde aus Ostsee und Alvor! Wir begehen ein fröhliches Wiedersehen und machen die Insel jetzt gemeinsam unsicher. Große Besichtigungsfahrt zu den Salinen von Pedra da Lume und zum Süden der Insel. Sal macht jedoch insgesamt einen sehr trostlosen Eindruck. Es ist sehr wüstenhaft und gleicht einer flachen Schutthalde mit ein paar Schuttbergen. Dafür entschädigen die freundlichen Bewohner und die unkomplizierten Verhältnisse. Eine zeitlang rätseln wir, wie es am besten zum Senegal geht, und ob wir auch den Gambia-River besuchen sollen, aber dann erlöst uns die dort ausgebrochene Cholera von unseren Planspielen. Werden auf den Kapverden bleiben und uns hier noch etwas umschauen. Wir muessen ja eh noch auf unsere Post warten. Nach einigen weiteren Tagen auf Sal segeln wir gemeinsam mit der ANTJE, so heißt das Schiff von Norbert und Antje, die 80 sm nach Sao Nicolao. Die Insel gefällt uns doch viel besser. Bergig und zerklüftet, mit Steilhängen und Steilküsten. Auch ist die Insel viel grüner. Vor allem im Norden ist das Land fruchtbar und erlaubt eine intensive Landbewirtschaftung. Bananen, Papaya, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Gurken, Tomaten, Paprika, Bohnen, Senf, Aloe vera, Zuckerrohr, Zwiebeln, Knoblauch, Mais und vieles mehr wird hier angebaut. Liegen erst vor Preguica, später vor Tarrafal, dem Haupthafen der Insel. Haupthafen bedeutet jedoch nur ein kleiner Kai, an dem alle zwei Tage eine Fähre und gelegentlich ein kleiner Frachter anlegt. Das Wasser ist klar und hat angenehme Temperaturen. Einziger Schönheitsfehler, kaum sind wir in Tarrafal angekommen, wird das Wetter schlecht. Fallböen heulen von den Bergen, Der Himmel zieht sich zu, es wird kalt und schließlich regnet es erst mal zwei Tage durch. „Im Dezember und Januar regnet es gewöhnlich nie“ erklärt Antonio, der uns gemeinsam mit anderen Yachties mit seinem Kleinbus über die Insel kutschiert. Regen und Kälte scheint wohl unser Schicksal zu sein, und Martin unkt bereits, dass es am Äquator schneit. Aber etwas postitves hat der Regen doch: der braune Sand wird aus Rigg und Takelage gewaschen, jedenfalls groesstenteils. Für diese SOM ist es jetzt auch gut, denn auf der LEOA gibt es heute Sundowner. Also alles Gute, liebe Daheimgebliebenen, bis zum nächsten Mal.

Nachtrag, inzwischen sind wir wieder zurueck in Palmeira, die gesamte Post ist gekommen, einschliesslich der Sendungen von Shipshop und Brillen Wichmann. Vielen Dank. Und wenn jetzt die aktuellen Magen- und Darmbeschwerden durch sind, starten wir nach Brasilien. D. h. morgen oder uebermorgen ...

Euch allen alles Liebe und Gute Martin + Anke